„Gottlos Glücklich“ in Bremen

Philipp Möller

Philipp Möller

Die Richard Dawkins Foundation für Vernunft und Wissenschaft (RDF) lud am vergangenen Freitag den Berliner Bestseller-Autor Philipp Möller („Isch geh Schulhof“) ins beschauliche Bremen für eine Lesung seines neuen Buches „Gottlos Glücklich. Warum wir ohne Religion besser dran wären“. Mit humorvollen Anekdoten und Geschichten aus seinem Leben als (Berufs-)Atheist unterhielt er bestens das Publikum im voll besetzten kleinen Saal des Hauses der Wissenschaft.

Wenn Philipp Möller eines kann, dann reden. Munter und gut gelaunt stieg er in seinen Vortrag mit einer kurzen Erläuterung zur Entstehung seines neuen Buches ein. Tatsächlich wäre dies das erste Buch gewesen, dass er habe schreiben wollen. Doch sein damaliger Verlag habe abgewunken und gesagt, er solle lieber über Grundschüler und Freaks schreiben. Erst der S. Fischer Verlag habe den Mut gehabt, sein Buch zu veröffentlichen.

In seinem Vortrag folgte er im Wesentlichem dem Aufbau seines Buches. So legte er einen ersten und großen Schwerpunkt auf die atheistische Buskampagne von 2009. Er schilderte die große Pro-Reli-Werbekampagne in Berlin, mit der die Kirchen dafür warben, einen Wahlzwang zwischen Ethikunterricht und konfessionsgebundenem Religionsunterricht einzuführen und wie dies der Zeitpunkt für ihn war, aktiver Atheist zu werden. Weiterhin führte er aus seiner Sicht als Pressesprecher der Aktion die widrigen Umstände aus, mit denen die atheistische Buskampagne zu kämpfen hatte. So zogen die Berliner Verkehrsbetriebe ihr Zusage, dort Werbung schalten zu dürfen just in dem Moment zurück, als das nötige Geld eingenommen war. Auch andere öffentliche Verkehrsbetriebe, die angefragt wurden, waren nicht bereit, den atheistischen Slogan „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ auf ihre Busse zu drucken. So charterten sie kurzerhand einen eigenen Bus und begaben sich auf eine Tour quer durch Deutschland. Von dieser Schilderung kam er zu seinem Auftritt bei Disput Berlin und spielte als bekennender Narzisst eine Aufzeichnung seines kompletten vier-minütigen Redebeitrags vor, der auf YouTube und Facebook zusammen mittlerweile schon mehr als sechs Millionen Zuschauer erreichte.

Anschließend sprang Möller in der erzählten Zeit ein wenig zurück und schilderte seine Erstkommunion. Besonders die Eucharistie habe ihn damals beschäftigt. Wird das Brot und der Wein wirklich zum Leib und Blut Christi? Isst man dann wirklich Menschenfleisch und trinkt Menschenblut? Nun, er hatte dem Katholizismus und Gott damals wirklich eine Chance gegeben. Als er in die fünfte Klasse kam, meldete er sich vom Religionsunterricht ab.

Philipp Möller und Jörg Elbe

Philipp Möller und Jörg Elbe

Philipp Möller erzählte nun von seinem ersten Talkshow-Auftritt im Nachtcafé und dem skandalösen Umgang der katholische Kirche mit Missbrauchsopfern und wechselte anschließend in den aktiven Teil des Abends: Sein Kapitel zur Kirchensteuer verpackte er in ein kleines Gottlos-Glücklich-Kirchensteuerquiz. Dem Quiz schloss sich der letzte Schwerpunkt des Abends an; eine dezidierte Kritik des konfessionsgebundenen Religionsunterrichts, gewürzt mit einigen Eindrücken aus dem Schulunterricht, dessen lebhafte Schilderung von dem ehemaligen Grundschullehrer Möller auch nicht anders zu erwarten war.

Seine letzten Kapitel zu Islamismus und Sterbehilfedebatte raffte Philipp Möller ob der späten Stunde lediglich kurz zusammen und so blieb doch noch ein wenig Zeit für Fragen aus dem Publikum.

Wer diesen hervorragenden Vortrag verpasst hat, kann ihn demnächst auf dem YouTube-Kanal der RDF nachsehen. Oder noch besser Möllers Buch lesen, was sich auch wunderbar als kleines blasphemisches Geschenk unterm Weihnachtsbaum macht.


Dieser Artikel ist auch im HPD und auf der Homepage des gbs-Hamburg e.V. veröffentlicht worden.

Die Universität Hamburg hat ein Religionsproblem

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Ein Kommentar zur Einführung eines Verhaltenskodex zur Religionsausübung an der Universität Hamburg


Die Universität Hamburg hat sich als erste deutsche Hochschule einen religiösen Verhaltenskodex gegeben. Zu Beginn heißt es: „Sie ist eine säkulare, auf Pluralität in weltanschaulichen Fragen verpflichtete Institution, die den Methoden und Standards wissenschaftlicher Forschung und Lehre verpflichtet ist. Die Freiheit in Forschung und Lehre beinhaltet auch die Freiheit von wissenschaftsfremden Einflüssen auf ihre Methoden, sachlichen Standards und Personalentscheidungen.“ Dem kann man zustimmen, doch betrachten wir das, was diesen Sätzen folgt, näher und aus konsequent säkularer Perspektive, ergeben sich einige Kritikpunkte. Der Verhaltenskodex ist eine Reaktion auf Übergriffe und versuchte Eingriffe von Muslimen in den universitären Alltag und die Freiheit von Forschung und Lehre. Seit zehn Jahren gibt es an der Universität einen Raum der Stille, der allen Angehörigen der Universität offensteht. Hier führten Muslime eigenmächtig und offen Geschlechtertrennung ein. Studentinnen wurden aufgefordert, sich zu verschleiern. Die sanitären Anlagen wurden für rituelle Fußwaschungen benutzt. Prediger riefen in Fluren zum öffentlichen Gebet auf. Andere Muslime forderten, die Vorlesungszeiten nach den Gebetszeiten auszurichten.

Diese und andere „Einzelfälle“ (Dieter Lenzen, Präsident der Universität) zeigen klar ein Problem an der Universität an. Nur ist der religiöse Verhaltenskodex, der unter Leitung von Philosophieprofessorin Birgit Recki von insgesamt zehn Wissenschaftlern der Universität, unter anderem aus Islamwissenschaft, islamischer, jüdischer, katholischer und evangelischer Theologie oder auch Verfassungsrecht erarbeitet wurde, auch die richtige Antwort? Vor allem wenn der Verhaltenskodex fordert, vor allem mit Hinblick auf religiöse Feiertage und Speisevorschriften, wo immer es „ohne Einschränkung des wissenschaftlichen Auftrags möglich ist, soll Rücksicht genommen werden.“ Interessant ist hierbei vor allem ein Blick in die Fußnoten. So ist zu den religiösen Speisevorschriften dort vermerkt: „Es wäre wünschenswert, dass das Studierendenwerk so weit wie möglich den Vorschriften der verschiedenen Religionen entsprechende Speisen in das Angebot aufnähme.“ Die Mensen der Universität bieten bereits ein breites Angebot an Speisen an, darunter auch täglich vegetarische und vegane Mahlzeiten. Das kann man begrüßen oder auch nicht. Würden nun noch religiöse Speisevorschriften berücksichtigt, müssten noch eine Mahlzeit darunter sein, die halal ist, eine koschere und eine für die Christen. Dabei gibt es meist schon am Freitag Fisch, und seien wir ehrlich, wie groß ist der Anteil von Christen, die noch die christlichen Speisegebote befolgen? Die Buddhisten können wahrscheinlich bei den vegetarischen oder veganen Mahlzeiten bleiben. Für die Hindus müsste bei mindestens einer Mahlzeit auf Rindfleisch verzichtet werden. In der Fastenzeit gibt es nur Ramen, damit sich die Pastafaris nicht benachteiligt fühlen müssen. Und freitags gibt es Hot Dogs, um auch den Diskordianisten gerecht zu werden. Und ich habe hier bestimmt noch jemanden vergessen. Das mag polemisch formuliert sein, ist aber eigentlich nur konsequent.

Für bedenklich erachte ich auch die Fußnote acht, in der es heißt: „Die Universität ist im Rahmen ihrer Ressourcen bemüht, allen Religionen einen angemessenen Raum für die Gestaltung ihrer religiösen Ausdrucksformen zu geben (Raum der Stille, Ausweichangebote bei zwingenden Geboten der Religion, zu ergänzen gegebenenfalls durch Handreichungen mit Informationen über nahegelegene Cem-Häuser, Kirchen, Moscheen, Synagogen, Tempel), solange und soweit der Auftrag der Universität und die gleiche Freiheit aller ihrer Mitglieder anerkannt wird.“ Warum sollte die Universität ihre Ressourcen einsetzen, um ihren Mitgliedern Raum für Privatvergnügen zu ermöglichen? Ich halte es schon für bedenklich, dass der AStA dies tut, aber der bekommt das Geld meines Wissens durch Zwangsabgaben der Studenten, nicht durch Steuermittel.

Unter Punkt 2 der Ausführungsbestimmungen heißt es: „Religiöse Feste finden nicht auf dem Gelände der Universität statt. Sie sind auf den „Raum der Stille“ zu beschränken. Der „Raum der Stille“ ist der angemessene Raum für die Gestaltung religiöser Ausdrucksformen. Seine Nutzungsordnung ist zu befolgen.“ (Hervorhebungen im Original). Der „Raum der Stille“ befindet sich zwar auch auf dem Gelände der Universität, aber sei’s drum. Warum er überhaupt von der Universität zur Verfügung gestellt werden sollte, erschließt sich mir nicht. Wer nach religiöser Einkehr sucht, was an einer wissenschaftlichen Institution schon recht merkwürdig erscheint, dem stehen Kirche, Moschee und Co. in der Nähe zur Verfügung. Die Universität steht schließlich mitten in der Stadt. Außerdem besteht stets die Möglichkeit, sich als Gruppe zusammenzuschließen und privat Räumlichkeiten zu mieten. Allerdings stellt sich bei mir auch die Frage nach der Studierfähigkeit von Studenten, die von der Universität darüber unterrichtet werden müssen, wo sie einen Platz zum Beten finden können.

Der Verhaltenskodex formuliert Selbstverständlichkeiten – davon hat sich auch die Kommission nach eigener Aussage in ihrer Arbeit leiten lassen. Und dafür sollte es eigentlich keinen Verhaltenskodex brauchen. Vielmehr zeigt er klar auf, wie viel Raum sich der Islam bereits an der Universität erobert hat. Die Idee ist offenbar, der Religion Grenzen an der Universität aufzuzeigen, doch letztlich bedeutet dieser Verhaltenskodex eine neue Form von Legitimation von Religionen an der Universität.

Der Verhaltenskodex ist nur die neueste Entwicklung der Einbindung und Legitimierung von Religion bzw. Religionsgemeinschaft in die Universität. Die Universität feiert in zwei Jahren ihr hundertjähriges Bestehen. Sie ist die erste demokratische Universitätsgründung auf deutschem Boden. Eine eigenständige evangelische Theologie gehörte nicht dazu. Sie wurde erst 1954 institutionalisiert; übrigens zusammen mit einem Institut für “Missionswissenschaft und ökumenische Beziehungen der Kirchen“. Angesichts abnehmender Studentenzahlen bestanden Ende der 90er Jahre Pläne, die Theologie der Universität Hamburg mit jener in Kiel zusammenzulegen, was das Aus für die Hamburger Theologie bedeutet hätte. Doch es kam anders. Die Theologie blieb an der Universität bestehen. Über die seit 2010 bestehende „Akademie der Weltreligionen“ wurden auch Lehrstühle für islamische bzw. alevitische Theologie sowie buddhistische und jüdische Theologie eingerichtet. Außerdem besteht im Fachbereich Philosophie ein Institut für jüdische Philosophie und Theologie. 2014 wurde zudem ein Institut für katholische Theologie eingerichtet. Es kam also in den vergangen gut fünfzehn Jahren zu einer steten Theologisierung der Universität. Neben dieser von Kirchen, Religionsgemeinschaften und Politik vorangetriebenen Theologisierung auf Seiten der Lehre, versuchen Studenten für ihre Religion immer größeren Raum im universitären Alltag zu erlangen. Davon gibt dieser Verhaltenskodex beredte Auskunft.

Statt eines religiösen Verhaltenskodex wäre eine konsequente (Re-)Säkularisierung der Universität wünschenswert gewesen. Angefangen bei den seit 1928 bestehenden Universitätsgottesdiensten, über die Schließung des „Raums der Stille“ und weitergeführt mit der Umwandlung sämtlicher theologischer Einrichtungen und Lehrstühle in religionswissenschaftliche Pendants.


Dieser Artikel ist auch auch im hpd und auf der Homepage des gbs-Hamburg e.V. veröffentlicht worden.

Interreligiöser Austausch der Hamburger Aleviten und Unitarier

Am Freitag, den 24. Februar 2017 lud die Hamburger Gemeinde der Unitarier – Religionsgemeinschaft freien Glaubens – Vertreter der Aleviten zu einem interreligiösen Dialog in ihr Gemeindezentrum.

Zunächst werde ich die Vorträge der einzelnen Referenten kurz zusammenfassen und dann auf dieser Grundlage einen Vergleich beider Religionsgemeinschaften führen.

v.l.n.r. Dr. Kira Holtzendorff, Baykal Arslanbuga, Prof. Dr. Helmut Kramer, Eike Möller, Prof. Dr. Handan Aksünger

v.l.n.r. Dr. Kira Holtzendorff, Baykal Arslanbuga, Prof. Dr. Helmut Kramer, Eike Möller, Prof. Dr. Handan Aksünger

Nach einer Begrüßung der Diskussionsteilnehmer durch Dr. Kira Holtzendorff, Mitglied des Gemeindevorstands der Unitarier, referierten Baykal Arslanbuga (Aleviten) und Prof. Dr. Helmut Kramer (Unitarier) zur Geschichte und Struktur und im Anschluss Prof. Dr. Handan Aksünger (Aleviten) und Eike Möller (Unitarier) zu den religiösen Grundlagen ihrer jeweiligen Gemeinden.

Baykal Arslanbuga sprach zunächst vom Ursprung der Glaubensgemeinschaft der Aleviten in der Türkei, z. T. aber auch auf dem Balkan und im Nahen Osten. Durch Migration sei weltweit eine große Diasporagemeinde entstanden. In Deutschland zählten die Aleviten rund 700.000 bis 800.000 Mitglieder, rund ein Zehntel davon lebe in Hamburg. Über die Jahrhunderte seien die Aleviten verboten und verfolgt worden, noch 1992 seien in der Türkei 35 Aleviten bei einem Massaker verbrannt worden, weil sie anlässlich eines Kulturfestes einen bekennenden Atheisten einluden zu sprechen. In der Türkei seien sie auch heute nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt und verschiedenen Repressionen ausgesetzt. Vor rund 28 Jahren gründete sich der erste alevitische Verein in Deutschland. Deutschland sei mittlerweile ein wichtiges Zentrum alevitischen Glaubens und Kultur geworden. Viele Vereine gründeten sich besonders in den Jahren nach 1992. Hier könnten sie ihren Glauben frei leben. In Hamburg sei 2013 auch erstmals in Deutschland ein Vertrag mit den Aleviten geschlossen worden. Ein Jahr später sei mit Prof. Dr. Handan Aksünger der weltweit erste und einzige Lehrstuhl für alevitische Theologie besetzt worden. Arslanbuga schloss seinen Vortrag mit der Betonung, dass die Aleviten viel Wert auf die Freiheit und Demokratie, die sie in Deutschland genießen legen. Der Kern ihrer Religion sei der Dienst am Menschen. Auf Nachfrage erläuterte er anschließend strukturelle und organisatorische Details der Aleviten in Deutschland und stellte die Gleichberechtigung der Geschlechter innerhalb der Gemeinde heraus.

Prof. Dr. Helmut Kramer zog in seinem Vortrag zur Geschichte der Unitarier zunächst eine Linie von der Reformation bis zum Entstehen der heutigen Unitariergemeinschaft im 20. Jahrhundert. Geleitet würden die Unitarier, so schon der Name, von einem Unitas-Gedanken. Die zwei wesentlichen geistigen Wurzeln seien die Reformation und der Pantheismus. 1876 bildeten sich die Freien Protestanten, die in Unabhängigkeit zur Kirche lebten, aber vor allem keine Kirchensteuer zahlen wollten. Erst 1911 käme der Begriff Unitarier auf als die Deutschen Unitarischen Blätter erstmals veröffentlicht wurden. Zur Zeit nationalsozialistischer Herrschaft hätten sich die Freien Protestanten still verhalten und so überdauert, während die Deutsche Glaubensbewegung durchaus die Nähe suchte. In Hamburg erhielt die sich nun Unitarier nennende Gemeinschaft 1947 die Genehmigung des britischen Militärs zur Gründung ihrer Gemeinde Einige Mitglieder der Deutschen Glaubensbewegung hätten sich den Unitariern angeschlossen, welche zunächst noch Einfluss innerhalb der Unitarier in Deutschland gehabt hätten. Deutschlandweit gründeten sich dann 1950 die Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft. Ihre wichtigsten Leitlinien hielten sie in den sogenannten „Grundgedanken“ fest. Diese seien erstens veränderbar und zweitens komplett basisdemokratisch abgestimmt. Mehrmals seien sie inzwischen auch revidiert worden.Unitarier - Aleviten 001 verbessert

In ihrem Vortrag zu den religiösen Grundlagen der Aleviten ging Prof. Dr. Handan Aksünger zunächst noch einmal auf die Geschichte der Aleviten ein. Die Aleviten seien eine sozio-religiöse Gemeinschaft, die auf Abstammung beruhe. Wichtigste Grundlage des Glaubens bildeten islamische Einflüsse, aber auch buddhistische Einflüsse seien nachweisbar. Die Überlieferung erfolge im Wesentlichen mündlich, aber auch schriftliche Texte geben Aufschluss über die Entwicklung der Aleviten. Die Erforschung dieser Religionsgemeinschaft stehe jedoch noch ganz am Anfang. Im Alevitentum gebe es einen geistigen Stand, dem nur diejenigen angehörten, die ihre Abstammung auf Mohammed oder seinen Vertreter Ali zurückführen könnten. Dabei gebe der Vater dann das religiöse Wissen an seine Kinder, männlich wie weiblich weiter. Auch Frauen hätten in der alevitischen Geschichte immer wieder wichtige Rollen gespielt. Im Zentrum des Glaubens stünden drei Beziehungen: ersten „Ocak und Talip“, die religiöse und soziale Leitung durch Nachfahren Mohammeds, zweitens die „Weggemeinschaft“, der Bezug zwischen den Propheten Mohammed und Ali, eine Geschwisterbeziehung zwischen zwei Häusern und drittens die „Patenschaft“, die „Beschneidung eines Junge“. Im Alevitentum gebe es zwei Arten von Schöpfungsverständnis: eines in Anlehnung an den Koran mit Allah als Schöpfergott und ein eher mystisches Schöpfungsverständnis, das von einer mystischen Einheit von Gott, Mensch und Kosmos ausgehe. Aufgabe des Menschen sei die „Vervollkommnung“. Das Wertesystem „vier Tore, vierzig Stufen“, das verschiedene Werte und Handlungsleitlinien umfasse, solle den Menschen auf seinem Weg dahin leiten. Bemerkenswert ist die eindeutige Anerkennung, dass auch Nicht-Aleviten diese Vervollkommnung erreichen könnten. Ethische Prinzipien würden für beide Geschlechter gelten. Verboten seien Diebstahl, Gewaltausübung und Lügen. Es gelte das Gebot der Monogamie und das Schweigegebot (Takiye). Da sich die Aleviten der ständigen Verfolgung ausgesetzt sahen, verschwiegen sie also ihren wahren Glauben nach außen. Im allgemeinen Diskurs ist dies wohl eher aus dem schiitischen Islam unter der Transkription Taqiyya bekannt. Nach meiner Ansicht, stehen das Lügenverbot und das Schweigegebot im Widerspruch. Zuletzt erläuterte Aksünger die alevitischen Gottesandachten (Cem) und betonte die Bedeutung der Dichtung für die Weitergabe des Alevitentum.

Das letzte Referat des Tages hielt Eike Möller über die religiösen Grundlagen der Unitarier. Die Unitarier fühlten sich den Menschenrechten und der demokratischen Grundordnung Deutschlands verpflichtet. Er stellte fest, dass über die basisdemokratisch abgestimmten unitarischen „Grundgedanken“ hinaus, es keine verbindlichen Schriften, heiligen Bücher oder Dogmen gäbe. Bei den Unitariern herrsche konsequenterweise das Laienprinzip, niemand könne für sich oder jemand anderes eine Autorität mit Verbindlichkeiten für die Gemeinschaft ableiten. Wegen seiner Begrenztheit könne der Mensch keine absoluten Wahrheiten erlangen. Da die Verhältnisse sich änderten, könnten sich mit ihnen auch die „Grundgedanken“ der Unitarier ändern, z.B. bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. So ordneten sich die Unitarier in den Prozess der evolutionären Veränderung des Lebens ein. Sie begriffen sich als Teil der Ganzheit, „unitas“. Die Unitarier glaubten an „ein Leben vor dem Tod“. Was danach komme, könnten die Menschen nicht wissen, jedoch gebe es Spuren die über den Tod hinaus wiesen, wie Ideen, Gedanken oder unsere Nachkommen. Verantwortlich sei ein Unitarier sich selbst, der Mit- und Umwelt gegenüber. Einen Lebenssinn könne der Mensch nur selbst finden. Wegen verschiedener Lebensumstände falle der Lebenssinn vielfältig aus. Diese Vielfalt sei den Unitariern Reichtum. Höchstes ethisches Ziel sei den Unitariern der Friede. Unterste Stufe des friedfertigen Miteinanders sei die Toleranz. Toleranz heiße auch Verhalten, dass man nicht gutheiße zu ertragen, wenn es nicht gegen die demokratische Grundordnung verstoße. Eine Grenze sei zu ziehen, stünde eine Verhalten im Gegensatz zu unseren Grundwerten oder würde jemandem Schaden zugefügt. Für die Unitarier sei der Einsatz für die Menschenrechte, die demokratische Grundordnung, unsere Rechtsordnung, auch eine wichtige ethische Aufgabe.

Im Anschluss an die Vorträge gab es jeweils die Möglichkeit Fragen zu stellen. Das wesentlich unitarisch geprägte Publikum stellte zumeist Verständnisfragen zu den Vorträgen. Kritische Fragen z.B. zur männlichen Genitalverstümmelung oder ob die Scharia im Alevitentum gelte blieben leider aus. Das Publikum hob eher die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Religionsgemeinschaften hervor. Für mich scheinen die Differenzen eher interessant zu sein. Bei den Unitariern gilt das Laienprinzip, bei den Aleviten gibt es einen geistlichen Stand, dem nur Angehören kann, wer Nachfahre Mohammeds oder Alis ist. Die „Grundgedanken“ der Unitarier sind prinzipiell veränderbar, wurden auch bereits mehrfach verändert, zuletzt 2015. Im Alevitentum kommt dem Koran eine gewisse Autorität zu, so wie auch dem geistigen Stand. Es gibt Verbote und Gebote. Bei den Unitariern wird offenbar in diesen starren Kategorien von Gebot und Verbot nicht gedacht. Bei den Unitariern wird davon ausgegangen, dass der Mensch sich seinen Lebenssinn selbst gestaltet. Bei den Aleviten wird er durch Religion gegeben. Baykal Arslanbuga legte viel Wert darauf, dass im Alevitentum der Mensch das Maß ist. Das klingt humanistisch. Kann aber eine Religion, die seine Anhänger dazu auffordert die Genitalien ihre eigenen männlichen Kinder zu verstümmeln wirklich humanistisch sein? Ich denke nicht. Für mich stellt es sich nach diesem Abend so dar, dass der Unitarismus zwischen Pantheismus und Humanismus oszilliert, das Alevitentum aber eher zwischen Pantheismus und Theismus.

Dieser Artikel ist auch auf der Homepage des gbs-Hamburg e.V. erschienen.

Tag der Menschenrechte: Tag zum Feiern oder Trauern?

Am internationalen Tag der Menschenrechte, dem 10. Dezember, lud das Säkulare Forum Hamburg e.V. unter dem Titel “Tag der Menschenrechte: Tag zum Feiern oder Trauern” erstmals zu einer Diskussionsveranstaltung. Der Rechtsanwalt Dr. Thomas Heinrichs, Gutachter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und Hans-Peter Strenge, Synodenpräsident a.D. der Nordelbischen Kirche beleuchteten die Vor- und Nachteile des deutschen Religions- und Weltanschauungsrechts und stellten sich den Fragen des Publikums.

Helmut Kramer

Helmut Kramer

Im Kirchhoff-Saal der Patriotischen Gesellschaft von 1765 fanden sich am Samstag-Nachmittag rund 50 Personen ein, um mehr über das Spannungsfeld von Menschen- und Religionsrechten in Deutschland zu erfahren. Zur Begrüßung stellte Prof. em. Dr. Helmut Kramer die Referenten vor und entschuldigte Dr. Jacqueline Neumann, die leider kurzfristig absagen musste. In seinen einleitenden Worten strich er die Bedeutung der Menschenrechte als “die größte Errungenschaft einer zivilisierten Community” heraus. Er betonte: “Menschenrechte sind Individualrechte” und warnte davor, Menschen in homogene Gruppen einzuteilen. Die immer noch nicht vorhandene Akzeptanz der Andersartigkeit sei ein Grund zum Trauern. Auch wies er blinde Autoritätshörigkeit zurück, die nur allzu oft Rechtfertigung für vielerlei Gräuel gewesen ist. Das Säkulare Forum Hamburg fühle sich, wie in seiner Grundsatzerklärung dargelegt, den Idealen der Menschenrechte und der Demokratie verpflichtet. Daher sei es eine “zentrale Aufgabe der Säkularen”, sich für die Menschenrechte einzusetzen.

Thomas Heinrichs

Thomas Heinrichs

In seinem Vortrag “Weltanschauung als Diskriminierungsgrund” legte der Referent Dr. Thomas Heinrichs zur Grundlagenklärung zunächst dar, was eine Weltanschauung eigentlich ist und wie genau Diskriminierung funktioniert. Er erläuterte, dass die Kirchen in der Diskussion im Grunde lediglich ein einziges Argument für ihre Privilegierung vorbrächten: Ohne Religion gäbe es keine Moral, gäbe es keine Werte. Doch gerade die Menschenrechte als bürgerliche Rechte hätten gegen die Kirchen als Vertreter der damaligen Feudalgesellschaft, der ein religiöses Recht zu Grunde liegt, erstritten werden müssen. Die Begründung für die Menschenrechte komme aus der Aufklärung, auch wenn die Kirchen heute behaupteten, die Religion bilde die Basis der Menschenrechte. Die heutige Privilegierung der Kirchen ziehe im wesentlichen in zwei Bereichen die Benachteiligung von Konfessionsfreien nach sich: erstens im kirchlichen Arbeitsrecht und zweitens im Erziehungs- und Bildungssektor. Die heutige Auslegung des kirchlichen Arbeitsrechts gehe im Wesentlichen auf Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts in den 80er Jahren zurück, die das Selbstverwaltungsrecht der Kirchen deutlich ausweiteten. Wer nicht Kirchenmitglied ist, könne in großen Teilen Deutschlands nicht für kirchliche Organisationen arbeiten, egal ob Putzkraft oder Chefarzt. In einigen Gegenden käme dies einem Berufsverbot gleich. Heinrichs betonte, dass es hierfür kein Verständnis mehr in der Gesellschaft gibt. Den Erziehungssektor betreffend schilderte er besonders die Ungleichbehandlung von Ethikunterricht und Lebenskunde mit dem konfessionellen Religionsunterricht. So habe es lange Zeit gar keine eigene Ausbildung für den Ethikunterricht in Berlin gegeben . Er sei weder quantitativ noch qualitativ dem konfessionellen Religionsunterricht gleichwertig.

Hans-Peter Strenge

Hans-Peter Strenge

Den zweiten Vortrag des Tages hielt Hans-Peter Strenge unter dem Titel “Kooperation von Staat und Kirchen – ein Erfolgsmodell?”. Strenge konzentrierte sich in auf verschiedene rechtliche Aspekte, die mit dem deutschen Weg einhergehen. Zunächst stimmte er Heinrichs zu, dass die Menschenrechte von Haus aus bürgerliche Rechte sind und mit Religion wenig zu tun haben. Auch sagte er, dass das Bundesverfassungsgericht im Prinzip kirchenfreundlich ist, merkte jedoch an, dass Gott durchaus auch seinen Platz in der Präambel des Grundgesetzes gefunden hat. Heinrichs habe in seinem Gutachten (S. 32) schließlich auch zu Recht festgestellt, dass in Deutschland kein laizistisches, sondern ein kooperatives Modell besteht. Aber es bestehe auch keine Staatskirche. In der Diskussion bewegten wir uns also zwischen diesen beiden Polen. Und so sei es um die Situation der Säkularen in Deutschland gar nicht so schlecht bestellt. Ausgehend von “Rechtslage, Aktenlage und tatsächlicher Lage” betrachtete er sechs Problemfelder näher. Erstens die Zahlung von Staatsleistungen: in Hamburg gäbe es gar keine, in Schleswig-Holstein etwa zehn Millionen und in Mecklenburg-Vorpommern immerhin etwa 16/17 Millionen Euro jährlich, da hier nach der Wende ein für die Kirchen günstiger Staatsvertrag abgeschlossen wurde. Zweitens ging er auf die Kirchen als Körperschaften des öffentlichen Rechts ein und die damit einhergehende staatliche Einziehung der Kirchensteuer. Drittens den Sonn- und Feiertagsschutz, der im Übrigen nicht allein eine religiöse Begründung habe. Dies zeige sich schon darin, dass auch die Gewerkschaften hieran ein mit den Kirchen gemeinsames Interesse hätten. Viertens das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen nach Paragraph 137,3 der Weimarer Reichsverfassung, dessen interessanteste Beispiele, nämlich die Verweigerung von Tarif- und Streikrecht, Heinrichs ja gar nicht angesprochen hätte. Fünftens würdigte er die Gleichstellung von Weltanschauungsgemeinschaften nach Paragraph 137,7 der Weimarer Reichsverfassung als einen Meilenstein in der rechtlichen Entwicklung. Hier merkte er auch kritisch an, dass erst in den 80er Jahren eine Anerkennung des demokratischen Systems und der Menschenrechte durch die EKD-Synode erfolgte. Seine sechste und letzte Betrachtung galt der Besetzung der Rundfunkräte und den Sendezeiten von Religionsgemeinschaften im öffentlichen Rundfunk. Seinen an vielen Punkten angenehm kritischen, oftmals mit sozialdemokratischen Positionen angereicherten Vortrag beschloss er mit der Feststellung, dass mittlerweile die Religiösen und Säkularen in Bezug auf die Menschenrechte “am gleichen Strang ziehen” und “das ist gut so”.

Die Referenten Thomas Heinrichs (l.) und Hans-Peter Strenge (r.)

Die Referenten Thomas Heinrichs (l.) und Hans-Peter Strenge (r.)

Im zweiten Teil der Veranstaltung stellten sich die beiden Referenten unter der Moderation von Dr. Arnold Alscher, Leiter des Arbeitskreises “Interkulturelles Leben” der Patriotischen Gesellschaft von 1765, den Fragen des Publikums. Gezielte Nachfragen förderten nicht nur nötige Klarstellungen zu Tage, sondern die beiden Referenten legten einige bedenkenswerte Tatsachen dar. So argumentierte Strenge nach einer kurzen Anmerkung des Bürgerschaftsabgeordneten Gerhard Lein (SPD) über die vor ihnen liegenden strukturell-organisatorischen Aufgaben der Säkularen, dass die Säkularen schwerlich alle Hamburger Konfessionsfreien, immerhin rund 60% für sich vereinnahmen könnten. Genauso wie die Kirchen schwerlich alle ihre Mitglieder für sich vereinnahmen könnten. Besonders bemerkenswert ist jedoch Heinrichs Schilderung des Umgangs der Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes mit seinem Gutachten. Das Gutachten sei vor der Veröffentlichung “entschärft” worden; Passagen seien heraus gekürzt worden. Auch sei das Gutachten nicht durch die ADS bekannt gemacht worden. Es habe keine Pressemeldung über den Presseverteiler gegeben, schon gar keine Pressekonferenz zur Vorstellung der Ergebnisse. Eine geplante Veranstaltung sei mit der Begründung zu geringen Medieninteresses abgesagt worden. Die “kirchennahe Leitung” scheine kein Interesse zu haben, dass mit dem Gutachten noch etwas passiert. Ein aus meiner Sicht eher betrüblicher Umgang mit den Forschungsergebnissen beauftragter Gutachter.SF-HH TdM_20161210 Publikum

Insgesamt war es eine gelungene, von Wolf Merk hervorragend organisierte, Auftaktveranstaltung des Säkularen Forums Hamburg mit zwei kompetenten Referenten und einem interessierten und überwiegend säkularen Publikum. Helmut Kramer kündigte an, zukünftig an jedem internationalen Tag der Menschenrechte eine vergleichbare Veranstaltung durchführen zu wollen. Hoffentlich wird das Säkulare Forum dann auch außerhalb der säkularen Szene Hamburgs bekannter werden und einen größeren Kreis von Interessenten für sich gewinnen.

Das Gutachten von Dr. Thomas Heinrichs in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Heike Weinbach: “Weltanschauung als Diskriminierungsgrund – Begriffsdimensionen und Diskriminierungsrisiken” ist kostenfrei downloadbar.

Dieser Artikel ist auch im hpd und auf den Homepages des gbs-Hamburg e.V. und des Säkularen Forums Hamburg e.V. veröffentlicht worden.

“Wir haben wahre Teufel an ihnen”

Foto von Bernd Kammermeier

Bernd Kammermeier

Am vergangenen Freitag lud die Richard Dawkins Foundation für Vernunft und Wissenschaft (RDF) ins beschauliche Bremen zu einem Vortrag von Bernd Kammermeier über Martin Luthers Skandalbuch: “Von den Juden und ihren Lügen” aus dem Jahr 1543. Zum ersten Mal seit 1937 liegt es wieder als vollständige Ausgabe vor, darüber hinaus erstmals in einer Übertragung ins moderne Hochdeutsch.

Trotz Konkurrenz durch das Straßenfestival “La Strada” und die “Lange Nacht der Kirchen” fanden sich rund 30 Personen im Haus der Wissenschaft in Bremen ein. Zu vielen Bremern gesellten sich im Publikum auch Interessierte aus Münster und Hamburg. Trotz kleiner technischer Probleme begann der Vortrag angenehm pünktlich noch innerhalb des akademischen Viertels. Begleitet von Gesängen aus dem auf der anderen Straßenseite liegenden Bremer Dom stieg Bernd Kammermeier mit einer Audioaufzeichnung Julius Streichers vom NS-Kriegsverbrecherprozess in sein Referat ein: “Wenn Martin Luther heute lebte, dann säße er hier an meiner Stelle als Angeklagter.” Eine Aussage, die wohl so manchen im Publikum überraschte und nur allzu gut in den Vortrag einzustimmen vermochte.

Im ersten Teil seines Vortrags berichtete Kammermeier von der Arbeit, die er und seine drei Kollegen Karl-Heinz Büchner, Reinhold Schlotz und Robert Zwilling sich mit der Neuausgabe von Luthers “Skandalbuch” machten. Das Schöne dieser Ausgabe ist die Gegenüberstellung des Originaltextes auf den linken Buchseiten mit der modernen Übersetzung auf den Rechten. Um dem Schriftbild des Originals so nahe wie möglich zu kommen, wurde der Text in Schwabacher Fraktur neu gesetzt.

2016-06-10_Vortrag Kammermeier 005Kammermeier betonte, dass die Übersetzung aus fünf Gründen gerade jetzt von Nöten sei: erstens wurde Luthers Antisemitismus seit 1945 bewusst verschwiegen. Zweitens war das Buch in der Zeit vor dem Kriegsende äußerst wirkmächtig gewesen. Als antisemitische Hetzschrift vom “großen” Luther enthält es ein enormes Rechtfertigungspotential für die Judenverfolgung. Drittens ist diese Schrift für die Aufarbeitung der Ursachen der NS-Judenverfolgung sehr wichtig. Viertens befinden wir uns mitten in der von der EKD ausgerufenen “Lutherdekade”, dessen Höhepunkt 2017 mit dem sogenannten “Lutherjahr” erreicht wird. Und nicht zu Letzt ist der Text in Frühneuhochdeutsch verfasst und somit für den Laien nur schwer verständlich.

Nach dieser Erörterung des Vortragshintergrunds stieg Kammermeier mit einer kurzen Schilderung der Kontakte Luthers zu Juden in den Inhalt des Buches, und damit in den Hauptteil seines Vortrags ein. Da er in seinem im hpd erschienen Artikel “Warum Martin Luther ein Antisemit ist!” bereits den Inhalt des Buches und seine Hauptthesen dazu dargelegt hat, möchte ich hier nur einen kurzen Überblick geben: Luther hatte Zeit seines Lebens nur wenig Umgang mit Juden. Er kannte vielleicht ein halbes Dutzend Juden. Auch zum Christentum konvertierte Juden sah er noch als Juden an, deswegen ist bei Luther auch von Antisemitismus und nicht Antijudaismus zu sprechen. Wichtige Inhalte seines Buchs “Von den Juden und ihren Lügen” sind: (a) die Juden sind nicht mehr Volk Gottes; (b) Jesus ist der Messias; (c) das Sieben-Punkte-Programm zum Verfahren mit Juden und (d) das Schüren von Angst vor der Judaisierung des Abendlandes. Unter diesen Inhalten sticht vor allem das Sieben-Punkte-Programm hervor, das eine regelrechte Blaupause für den Umgang der Nationalsozialisten mit den Juden darstellt, wie Kammermeier in eindrücklichen Bildern zeigte.

Luthers Antisemitismus blieb schon zu seinen Lebzeiten nicht ohne Wirkung. Durch sein Wirken trägt Luther eine Mitverantwortung für Entrechtung, Vertreibung und Verfolgung von Juden im süd-ostdeutschen Raum in den weiteren Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts. Es lässt sich weiterhin eine direkte Linie bis zu den Verbrechen an den Juden im dritten Reich ziehen.

Besonders kritisch sah Kammermeier im letzten Teil seines Vortrags die Rolle der Funktionäre der EKD, die nur allzu bemüht Luther zu relativieren, geradezu versuchen ihm einen Persilschein auszustellen. Doch er war zu keiner Zeit ein Judenfreund. Luthers Ausspruch: “Wir haben wahre Teufel an ihnen” illustriert nur zu gut seine Haltung. Ungeheuerlich ist darüber hinaus die Tatsache, dass die Lutherdekade mit über 100 Millionen Euro aus allgemeinen Steuereinnahmen des Bundes und des Landes Sachsen gefördert wird.

Foto von Bernd Kammermeier und Jörg Elbe

Bernd Kammermeier und Jörg Elbe

Im Anschluss an den Vortrag wurde dem Publikum die Gelegenheit gegeben, Fragen zu stellen. Hier zeigte Kammermeier, dass er sich informiert hatte: So war dem Versuch eines älteren evangelischen Pastors in drei Nebenreferaten die Darstellung Luthers zu relativieren kein Erfolg beschienen. Positiv bleibt festzuhalten, dass nicht allein säkulare, Luther ohnehin kritisch gegenüber eingestellte Menschen dem Vortrag folgten, sondern auch bekennende Christen. Hoffentlich trägt Bernd Kammermeier noch viele Eulen nach Wittenberg.

Karl-Heinz Büchner/Bernd P. Kammermeier/Reinhold Schlotz/Robert Zwilling (Hrsg.), Martin Luther. Von den Juden und ihren Lügen. Erstmals in heutigem Deutsch mit Originaltext und Begriffserläuterungen, Aschaffenburg 2016 (Alibri-Verlag), 347 S., 20,00 Euro.

Dieser Artikel ist auch auch im hpd und auf der Homepage des gbs-Hamburg e.V. veröffentlicht worden.

Petition zur Streichung des „Gotteslästerungsparagraphen“ §166 StGB

Bitte unterzeichne die Petition zur Streichung von § 166 StGB:
https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2015/_01/_08/Petition_56759.mitzeichnen.html


Besonderer Teil des Strafgesetzbuches – Streichung des § 166 Strafgesetzbuch (Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen) vom 08.01.2015

Text der Petition

Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass die Strafvorschrift über Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsvereinigungen ersatzlos gestrichen wird.


Begründung

Nach § 166 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören. In der Praxis hat dieser Paragraph zu einer völligen Verkehrung des Täter-Opfer-Verhältnisses geführt, in deren Folge namhafte Künstler wie Kurt Tucholsky oder George Grosz gemaßregelt wurden. Dabei wurde der öffentliche Friede niemals durch kritische Kunst bedroht, sondern durch religiöse oder politische Fanatiker, die nicht in der Lage waren, die künstlerische Infragestellung ihrer Weltanschauung rational zu verarbeiten.

Während aufgeklärte Gläubige keine Probleme mit satirischer Kunst haben und somit einen besonderen Glaubensschutz gar nicht benötigen, berufen sich religiöse Fundamentalisten seit Jahrzehnten immer wieder auf § 166 StGB, um die Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit einzuschränken. Die hier zum Vorschein kommende Kritikunfähigkeit sollte vom Gesetzgeber nicht zusätzlich befördert werden. Borniertheit, Intoleranz und Humorlosigkeit sind keine Rechtsgüter, die unter Schutz gestellt werden sollten. Vielmehr sollte der Staat den Freiraum für kritische und vor allem satirische Kunst erweitern und Künstlerinnen und Künstler in ihrer wichtigen kulturellen Aufgabe bestärken, althergebrachte Sichtweisen gegen den Strich zu bürsten.

Mit der Streichung von § 166 StGB käme der deutsche Staat auch einer wichtigen Forderung des UN-Menschenrechtskomitees nach. Dieses erklärte nämlich 2011, dass „Verbote von Darstellungen mangelnden Respekts vor einer Religion oder anderen Glaubenssystemen, einschließlich Blasphemiegesetzen, mit dem Vertrag [gemeint ist der „Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte“, ICCPR] inkompatibel“ seien [Human Rights Committee: General comment No. 34, CCPR/C/GC/34, §48].

Nicht zuletzt wäre die überfällige Abschaffung des „mittelalterlichen Diktaturparagraphen“ (Kurt Tucholsky) auch eine angemessene rechtsstaatliche Reaktion auf die Einschüchterungsversuche militanter Islamisten („Karikaturenstreit“ von 2006, Attentat auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ vom Januar 2015). Denn mit einer ersatzlosen Streichung von § 166 StGB würde der Gesetzgeber unmissverständlich klarstellen, dass der Freiheit der Kunst in einer modernen offenen Gesellschaft höheres Gewicht beizumessen ist als den „verletzten Gefühlen“ religiöser Fundamentalisten.

Bitte unterzeichne die Petition zur Streichung von § 166 StGB:
https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2015/_01/_08/Petition_56759.mitzeichnen.html

Drei Thesen zur Wissenschaftlichkeit der Theologie

Theologie* widerspricht in ihren Kernbereichen einem minimalen Konsens von Wissenschaftlichkeit. a) Die Freiheit in Forschung und Lehre ist nicht gewährleistet: Die evangelische Theologie ist in Hamburg konfessionsgebunden, die katholische Theologie unterliegt der missio canonica. D.h. wer nicht Mitglied einer Kirche ist hat Nachteile in kauf zu nehmen. So steht z.B. in der Promotionsordnung des Fachbereichs ev. Theologie, dass der Promovend Mitglied einer christlichen Kirche sein muss. Eine Promotion in diesem Fachbereich steht so zuvorderst nur Kirchenmitgliedern offen. Andere Menschen brauchen eine Ausnahmegenehmigung.[1] Beispiel katholische Theologie: Lässt ein katholischer Theologe sich scheiden oder geht eine offen homosexuelle Partnerschaft ein, so kann diesem Theologen nach einem Ketzerprozess die missio canonica, die katholische Lehrerlaubnis entzogen werden.[2] Hier werden Theologen eindeutig institutionelle Zwänge auferlegt. b) Theologisches Arbeiten ist nicht voraussetzungslos. Es kann nur jemand theologisch arbeiten, sofern er über Glaubenserfahrungen verfügt. Glaubenserfahrungen können jedoch nicht erarbeitet werden. Somit ist die Theologie nicht prinzipiell jedem Menschen offen. c) Wie steht es nun mit der Kritikoffenheit und Kritikbereitschaft in der Theologie? In den Bereichen der Theologie, die nicht zu den eigentlichen Kernbereichen zählen; sei es nun die alttestamentarische Bibelforschung oder die Kirchengeschichte, so unterscheidet es sich kaum von den nicht-theologischen Komplementärfächern. In den Kernbereichen sind Ergebnisse theologischer „Forschung“ stets an kirchliche Dogmen gebunden, d.h. sie dürfen diesen nicht widersprechen. Kritisiert ein Theologe diese Dogmen, stellt er sich damit außerhalb der Theologie.[3]
In der Religionswissenschaft hingegen gibt es diese Probleme nicht, sie funktioniert wie jede andere Kulturwissenschaft.

*Der Text bezieht sich in den Explizierungen an der Situation an der UHH.

Mehr zum Thema:

Baeger, Edgar: Wissenschaft und Religion, ursprünglich erschienen in MIZ 1/94.

Dawkins, Richard: Die Leere der Theologie, übersetzt von Andreas Müller, hpd 23.03.2007.
Original: “The Emptiness of Theology” in: Free Inquiry magazine Band 18, Nr. 2.

Kehrer, Günter: Theologie ist unwissenschaftlich. Plädoyer für die Abschaffung der theologischen Fakultäten, ibka.org ohne Datum.

Lehnert, Uwe: Theologie ist keine Wissenschaft, hpd 31.01.2014.

Footnotes    (↵ returns to text)
  1. Promotionsordnung der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Hamburg vom 7. Juli 2010, S. 1771-1778, hier S. 1772. Dies Regelung findet sich ebenfalls in §5 der Habilitationsordnung des Fachbereichs Evangelische Theologie der Universität Hamburg vom 25. Mai 1999. Amtlicher Anzeiger. Teil II des Hamburgischen Gesetz- und Verordnungsblatt, hrsg. von der Justizbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg, Nr. 88, 02.08.1999, S. 2089-2092.

  2. Eine Liste katholischer Theologen, denen die missio canonica entzogen wurde, ist in der wikipedia einsehbar: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_katholischen_Theologen,_denen_die_Lehrerlaubnis_entzogen_wurde (30.08.2014).

  3. Vgl. hierzu: Kehrer, Günter: Theologie ist unwissenschaftlich. Plädoyer für die Abschaffung der theologischen Fakultäten, ibka.org ohne Datum. Zum Kritikbegriff innerhalb der Theologie insbesondere: Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft, Tübingen 1991, S. 124-128.

Je suis Charlie

charlie-human1

Manifest der 12 “Gemeinsam gegen den neuen Totalitarismus”

http://www.welt.de/print-welt/article201259/Manifest-der-12-Gemeinsam-gegen-den-neuen-Totalitarismus.html

Gotteslästerungsparagraph 166 StGB abschaffen!

http://hpd.de/artikel/10934

Giordano Bruno Stiftung: Petition gegen die Einschränkung der Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit

http://www.leitkultur-humanismus.de/freiheit.htm

Abschlusserklärung der kritischen Islamkonferenz 2008

http://www.hintergrund-verlag.de/erklaerung-kritische-islamkonferenz.pdf

Kirchenzugehörigkeit in Hamburg 1970-2012

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Kirchenzugehörigkeit
in Hamburg 1970-2013

Jahr

Bevölkerung
insgesamt

Evangelisch

Katholisch

Evangelisch
und Katholisch

Anzahl

%

Anzahl

%

Anzahl

%

1970

1793640

-

-

178440

9,9

-

-

1971

1781621

-

-

180999

10,2

-

-

1972

1766214

-

-

175568

9,9

-

-

1973

1751621

-

-

168052

9,6

-

-

1974

1733802

-

-

167629

9,7

-

-

1975

1717383

-

-

161274

9,4

-

-

1976

1698615

-

-

163254

9,6

-

-

1977

1680340

1081533

64,4

162965

9,7

1244498

74,1

1978

1664305

1040965

62,5

162230

9,7

1203195

72,2

1979

1653043

1023868

61,9

157745

9,5

1181613

71,4

1980

1645095

1011676

61,5

159889

9,7

1171565

71,2

1981

1637132

992785

60,6

159754

9,8

1152539

70,4

1982

1623848

980121

60,4

161695

10

1141816

70,4

1983

1609531

942331*

58,5

161834

10,1

1104165

68,6

1984

1592447

904540

56,8

165131

10,4

1069671

67,2

1985

1579884

893055

56,5

165424

10,5

1058479

67

1986

1571267

877810

55,9

169359

10,8

1047169

66,7

1987

1594190

863776

54,2

172823

10,8

1036599

65

1988

1603070

783665

48,9

158878

9,9

942543

58,8

1989

1626220

766937

47,2

166459

10,2

933396

57,4

1990

1652363

754713

45,7

177158

10,7

931871

56,4

1991

1668757

730787

43,8

180479

10,8

911266

54,6

1992

1688785

716936

42,5

179157

10,6

896093

53,1

1993

1702887

695440

40,8

179893

10,6

875333

51,4

1994

1705872

687187

40,3

180440

10,6

867627

50,9

1995

1707901

666114

39

180451

10,6

846565

49,6

1996

1707986

649454

38

180777

10,6

830231

48,6

1997

1704731

636288

37,3

179927

10,6

816215

47,9

1998

1700089

623489*

36,7

178255

10,5

801744

47,2

1999

1704735

610689

35,8

177881

10,4

788570

46,2

2000

1715392

599184

34,9

177872

10,4

777056

45,3

2001

1726363

587321

34

178940

10,4

766261

44,4

2002

1728806

577545

33,4

177829

10,3

755374

43,7

2003

1734083

567471

32,7

178165

10,3

745636

43

2004

1734830

558996

32,2

175203

10,1

734199

42,3

2005

1743627

552195

31,7

177721

10,2

729916

41,9

2006

1754182

547663

31,2

180544

10,3

728207

41,5

2007

1770629

544113

30,7

182072

10,3

726185

41

2008

1772100

539334

30,4

181148

10,2

720482

40,7

2009

1774224

530288

29,9

178811

10,1

709099

40

2010

1786448

522121

29,2

180188

10,1

702301

39,3

2011

1718187

515870

30

183051

10,7

698921

40,7

2012

1734272

516435

29,8

185774

10,7

702209

40,5

2013

-

-

-

187359

-

-

-

 

*Da für die beiden Jahre 1983 und 1998 keine Angaben für die Evangelische Kirche vorliegen, wurde der Mittelwert aus dem Vor- und dem Folgejahr gebildet.

 

Alle Zahlen bis 2003 nach:
Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein (2004): Statistisches Jahrbuch Hamburg 2004/2005. Hamburg, S. 29. Online verfügbar unter www.statistik-nord.de/fileadmin/Dokumente/Jahrbücher/Hamburg/JB2004_HH.pdf, zuletzt geprüft am 07.01.2015.

Die Bevölkerungszahl ab 2004 nach:
Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein (2014): Statistisches Jahrbuch Hamburg 2013/2014. Hamburg, S. 14. Online verfügbar unter www.statistik-nord.de/fileadmin/Dokumente/Jahrbücher/Hamburg/JB13HH_Gesamt_Korr.pdf, zuletzt geprüft am 07.01.2015.

Zahlen für die Katholische Kirche ab 2004 nach:
Möller, Uwe (2014): Kirchliche Statistik 2013. Erzbistum Hamburg. Hamburg. Online verfügbar unter http://www.erzbistum-hamburg.de/ebhh/pdf/kirchl_Statistiken/Kirchliche_Statistik-2013_inkl_Anhang.pdf, zuletzt geprüft am 08.11.2014.

Zahlen für die Evangelische Kirche ab 2004:
Kirchenamt der EKD Hannover (2006): Kirchenmitgliederzahlen am 31.12.2005. Oktober 2006. Hannover. Online verfügbar unter http://www.ekd.de/download/Ber_Kirchenmitglieder_2005.pdf, zuletzt geprüft am 06.11.2014.
Kirchenamt der EKD Hannover (2007): Kirchenmitgliederzahlen am 31.12.2006. November 2007. Hannover. Online verfügbar unter http://www.ekd.de/download/krchenmitglieder_2006.pdf, zuletzt geprüft am 06.11.2014.
Kirchenamt der EKD Hannover (2008): Kirchenmitgliederzahlen am 31.12.2007. November 2008. Hannover. Online verfügbar unter http://www.ekd.de/download/kirchenmitglieder_2007.pdf, zuletzt geprüft am 06.11.2014.
Kirchenamt der EKD Hannover (2009): Kirchenmitgliederzahlen am 31.12.2008. November 2009. Hannover. Online verfügbar unter http://www.ekd.de/download/Ber_Kirchenmitglieder_2008.pdf, zuletzt geprüft am 06.11.2014.
Kirchenamt der EKD Hannover (2010): Kirchenmitgliederzahlen am 31.12.2009. November 2010. Hannover. Online verfügbar unter http://www.ekd.de/download/Ber_Kirchenmitglieder_2009.pdf, zuletzt geprüft am 06.11.2014.
Kirchenamt der EKD Hannover (2011): Kirchenmitgliederzahlen am 31.12.2010. November 2011. Hannover. Online verfügbar unter http://www.ekd.de/download/Ber_Kirchenmitglieder_2010.pdf, zuletzt geprüft am 06.11.2014.
Kirchenamt der EKD Hannover (2012): Kirchenmitgliederzahlen am 31.12.2011. Oktober 2012. Hannover. Online verfügbar unter http://www.ekd.de/download/kirchenmitglieder_2011.pdf, zuletzt geprüft am 06.11.2014.
Kirchenamt Hannover (2005): Kirchenmitgliederzahlen am 31.12.2004. korrigierte Ausgabe. Dezember 2005. Hannover. Online verfügbar unter http://www.ekd.de/download/kimi_2004.pdf, zuletzt geprüft am 08.11.2014.

erstellt von Fabian Krahe, 01.2015

Hommage an unsere deutschen Konvertiten

Veröffentlicht am 11.12.2014

Das Jahr geht zuende, und wir hatten wieder viel Spaß mit Euch. Wir wollen Eure Leistungen angemessen würdigen, und bewundern Eure Disziplin bei der trockenen Darbietung Eurer Nonsenskomik. Hier ist unser Dankeschön.

merry_christmas

Veröffentlicht unter Satire

Diffamierung von Islamkritik. Ein Beispiel.

Ein Kommentar zu Lamya Kaddor: Futter für die Salafisten. Hetze gegen Muslime, erschienen am 17.11.2014 auf sueddeutsche.de. Auf Focus online ist der Artikel, auf den Lamya Kaddor sich wohl bezieht, zu finden. [1]
Nun aber zum Inhalt: Lamya Kaddor behauptet, manche Medien betreiben geistige Brandstiftung. Dies möchte sie auch am Beispiel eben jener oben aufgeführten, von Michael Klonovsky verfassten Focus-Titelgeschichte verdeutlichen. Sie möchte sich gegen die Islamhasser wenden, die Indifferenten, die alles kurz und klein hauen wollen. Doch dabei verrät sie lediglich, dass sie selbst zum Kreis jener von Links hofierten Islamapologeten gehört, die versuchen jedwede Islamkritik als denunziatorisch, als Verbreitung von Stereotypen auszuweisen und weg zu wischen. Denn so bleibt bei ihr unerwähnt, dass Klonovsky indirekt für die Unterscheidung Hamed Abdel-Samads zwischen Islam und Muslime plädiert. Außerdem stellt er ganz klar fest: “Eine große Mehrheit der Muslime lebt friedlich ihren Glauben und lehnt den Islamischen Staat (IS) ab.” Auch das Fazit des Artikels: “Der gläubige Muslim, der täglich fünfmal vor seinem Gott kniet, stört niemandes Frieden – im Gegenteil, die fromme Übung in Demut täte manchem Westler gut, auch wenn er nicht an Gott glaubt. Aber ein Teil des Islam betrachtet heute den Westen als Feind und sucht den Konflikt mit ihm” wirkt auf mich nicht gerade hass-schürend.
Doch sehen wir uns an, was Kaddor über den Artikel schreibt: “In dem Focus-Titel heißt es an einer Stelle: ‘Der Islam unterdrückt die Frauen. Dieser Punkt bedarf keiner ausführlichen Begründung.’ Man muss offenbar nicht mehr argumentieren, sich mit dem beschäftigen, was man kritisiert, ist sowieso alles klar.” Und sie hat recht. Dies steht wirklich so im Artikel. Nur leider stellt sie den Zusammenhang falsch dar. Denn wichtig ist das Wörtchen “ausführlichen”. Denn Klonovsky argumentiert sehr wohl. Er verweist auf ein breites Spektrum der Entrechtung der Frauen in der islamischen Welt. Frauen dürfen nicht am öffentlichen Leben teilnehmen und kein Eigentum besitzen. Dafür müssen sie Tschador, Niqab oder Burka tragen. Sie dürfen nicht heiraten, wen sie wollen und haben Steinigung bei Ehebruch (und vorehelichem Geschlechtsverkehr), sowie sogenannte Ehrenmorde zu fürchten. Die Unterdrückung der Frau im Islam wird also anhand dieser Beispiele, die allerseits bekannt sein dürften, als evident angesehen. Diese These ist nur eine von sieben anderen. Über Thesen muss diskutiert werden. Sie müssen noch keine vollständig begründeten Teile eines Theoriengebäudes sein.
Sehr bedenklich ist, dass Kaddor in Verkehrung der Vorzeichen letztlich etwas Ähnliches tut, was von Klonovsky kritisiert wird. “Der Islam besitzt eine magische Eigenschaft. Eigentlich gibt es ihn gar nicht. Es gibt vielmehr zahlreiche islamische Glaubensrichtungen, Strömungen, Lehrmeinungen, Schulen, Sekten. Die Schreckenstaten des Islamischen Staates, so lautet der Kanon von Grün bis Muslimfunktionär, haben nichts mit dem Islam zu tun. Überhaupt ist absolut unstatthaft, von „dem“ Islam zu sprechen. Nur wenn er beleidigt wird, ist „der“ Islam plötzlich da.” Klonovsky betont, dass es verschiedene Strömungen im Islam gibt und die meisten Muslime friedlich sind. Doch dann begeht er den Kardinalfehler und kritisiert, ach Schreck, die Fundamente des Islam und die am weitesten verbreiteten Lehrmeinungen; zieht folgend eine direkte Linie zwischen dem, was als “Wort Gottes” verbreitet wird, und dem, wie sich einige von dessen Anhängern auch wirklich verhalten. Hier müssen also Islamhasser am Werk sein. Zwar betont Kaddor in ihrem Artikel, Islamkritik habe seine Berechtigung, doch wenn ein Autor, wie hier vorliegend, den Islam sachlich kritisiert, dann ist es plötzlich keine Islamkritik, sondern in Verdrehung der Argumentationsebene “Hetze gegen Muslime”. In ihrem Artikel werden so Islamkritiker zu Islamhassern. Dieser Artikel von Kaddor ist nur einer von vielen unterschiedlicher Autoren, die sich der Diffamierung von Islamkritik widmen.

Weitere kritische Auseinandersetzungen zu dieser Thematik finden sich im Sammelband: Feindbild Islamkritik. Wenn die Grenzen zur Verzerrung und Diffamierung überschritten werden, hrsg. von Hartmut Krauss, Osnabrück 2010.

Footnotes    (↵ returns to text)
  1. Vllt. ist der Artikel gekürzt, dass vermag ich nicht zu sagen, den Focus habe ich nicht als Printausgabe vorliegen. Aber bei dem mir vorliegenden Artikel ist angegeben, dieser Artikel stamme aus der Ausgabe Nr.45. Diese ist mit “Die dunkle Seite des Islam” betitelt.

Zur Theologie an der Universität Hamburg (UHH)

uhh_esa1An der UHH ist leider seit einigen Jahren eine fortschreitende Theologisierung festzustellen. Neben der schon seit 1954 bestehenden evangelischen Theologie ist jüngst, Februar 2014, ein Institut für katholische Theologie eingerichtet worden. Ab dem Wintersemester soll dort die Belegung eines B.A. Katholische Theologie im Nebenfach für Lehramtsstudierende möglich sein. Ziel ist die Ausbildung katholischer Religionslehrer für Hamburg. Dies ist im, mit dem heiligen Stuhl geschlossenen, Staatskirchenvertrag vom 29.11.2005 (Artikel 7 (2)) festgelegt worden. Zwar steht in Artikel 7 GG, dass Religionsunterricht (RU) an Schulen ein ordentliches Lehrfach ist und der RU in “Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaft” zu erteilen ist, doch die konkrete Form ist dort nicht festgeschrieben. Das bisherige Hamburger Modell sieht einen RU für alle unter Leitung der evangelischen Kirche vor. Mit der Ausbildung katholischer Religionslehrer und der Bestimmung, dass die Erteilung eines RU der Missio canonica unterliegt, wird dieses Konzept gesprengt.
Neben der evangelischen und katholischen Theologie ist auch die islamische Theologie an der UHH verankert. Seit 2010 besteht an der UHH die Akademie der Weltreligionen (AWR), hervorgegangen aus dem 2006 gegründeten interdisziplinären Zentrum Weltreligionen im Dialog (ZWiD). An der AWR ist das von der Stiftung Mercator finanzierte Graduiertenkolleg Islamische Theologie angesiedelt, welches der Ausbildung von islamischen Religionslehrern und Imamen dient. Darüber hinaus gibt es zwei Gastprofessuren, eine für jüdische Dialogstudien und interreligiöse Theologie und eine mit wechselnden Professoren. Dies dient dazu, den interreligiösen Dialog in Forschung und Lehre an Universitäten zu verankern bzw. auszubauen. Dass hierbei jedoch säkulare Weltanschauungsgemeinschaften nicht berücksichtigt werden, zeigt nicht nur die Nichtbeachtung von Helmut Kramer von den Unitariern, der um eine Einbeziehung von Säkularen an der AWR gebeten hat, sondern auch das aktuell von der AWR durchgeführte und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit rd. 3,1 Millionen Euro finanzierte Projekt “Religion und Dialog in modernen Gesellschaften”. Dieses Projekt geht auf zwei Ebenen vor. Auf der ersten Ebene, der dialogischen Theologie, soll eine interreligiöse, dialogische Theologie erarbeitet werden; auf der zweiten Ebene, der dialogischen Praxis, soll interreligiöser Dialog in der Praxis untersucht werden, wobei Akteure aus Religionsgemeinschaften und “säkulare Akteure in den Blick” genommen werden sollen. Mit säkularen Akteuren sind Politiker, Beschäftigte von Theatern und Museen usw. gemeint, nicht jedoch Menschen von Weltanschauungsgemeinschaften. Eine Betrachtung säkularer Weltanschauungen soll lediglich im Bereich der Untersuchung des Hamburger Schulunterrichts erfolgen.

Im Wintersemester 2014 wird zum ersten mal ein Lehrstuhl für alevitische Theologie besetzt werden, so wie es der Alevitischen Gemeinde Deutschland e.V. in ihrem mit Hamburg geschlossenen Staatsvertrag zugesichert worden ist. Durch diese Politik der Verankerung der Theologie in Staatsverträgen mit unterschiedlichen Religionsgemeinschaften wurde und wird der Theologie schleichend ein immer größerer Raum an der UHH zugesprochen.

Rechtliche Grundlagen: Theologische Fakultäten

Allgemeine rechtliche Grundlagen zum Bestehen theologischer Fakultäten an Universitäten

Art. 149 III WRV von 1919 garantiert Bestand theologischer Fakultäten, wurde aber nicht in Art. 140 GG übernommen.
Theologische Fakultäten sind Ländersache. (Durchgängiger Bestand bis 1945, Garantien in den Landesverfassungen)

Allgemeine Probleme
a) Vereinbarkeit von Landesgesetzgebung und GG aufgrund von kirchenvertraglichen Garantien muss vorhanden sein
b) Professoren haben eine staatlich-kirchliche Doppelfunktion (konfessionsgebundenes Staatsamt)
c) Theologische Fakultäten widersprechen dem Gebot der Trennung von Kirche und Staat (Art. 140 GG) -> Es besteht keine Ausnahmeregelung wie beim Religionsunterricht Art. 7 GG
d) Widerspruch zu den Gleichheitsvorschriften Art. 3 III und Art. 33 III GG
e) Widerspruch zum Wissenschaftsbegriff des GG Art. 5 III 1 GG
f) Klare Verstöße gegen Gleichbehandlung (Parität): Anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften werden keine dem Umfang angemessen Lehrstühle bzw. entsprechende Finanzmittel für eigene Einrichtungen zur Verfügung gestellt, im Vergleich zu der katholischen Kirche und der EKD
h) (Sonderaspekt: Konkordatslehrstühle -> gehört nicht zur eigentlichen Problematik theologischer Fakultäten)

Nach: Czermak, Gerhard: Religions- und Weltanschauungsrecht. Eine Einführung. In Kooperation mit Prof. Dr. Dr. Hilgendorf, Springer Verlag: Berlin, Heidelberg 2008, S. 211-217.

Zur Situation in Hamburg:
An der Universität Hamburg existiert
(1) eine ev. theologische Abteilung (gegr. 1954; Teil der Fakultät für Geisteswissenschaften)
(2) die Akademie der Weltreligionen (gegr. 2010; Teil der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft
(3) ein Insitut für katholische Theologie (gegr. 2014; Teil der Fakultät für Geisteswissenschaften)

Klare Widersprüche sind in Hamburg bei den Punkten c),d),e) zu sehen. In Bezug auf Punkt f) nimmt Hamburg mit der Akademie der Weltreligionen eine Sonderrolle ein, da hier eine Ausbildungsstätte für Islamische Theologen besteht, sowie seit 2014 eine Professur für Alevitische Theologie eingerichtet ist. Auch jüdische Theologie ist an der UHH angesiedelt. Dennoch werden auch in Hamburg säkuklare Weltanschauungen nicht berücksichtigt. Konkordatslehrstühle h) gibt es in Hamburg nicht.